
"Warten auf die Medora"
Theaterspektakel zur Sommerrepublik auf der Weserinstel Harriersand 2005
Die Theatergruppe SPLASH aus der BEGU-lemwerder zeigte auf dem Inselkongress Harriersand, im August 2005,
das Theaterspektakel "Warten auf Medora".
Ein Theaterstück von und mit Jugendlichen zum Thema der Giessener Auswanderergruppe nach Amerika um 183
Angekommen, ausgespuckt auf einer Insel, einer Weserinsel - zu diesem Zeitpunkt eine richtige "Wasserinsel". Es regnete. Wir hatten am Anleger in Brake, zu unserer "Trauminsel" Harriersand mit Requisiten, Kostümen und langer Wartezeit, im Regen zu kämpfen. Die Fähre sollte erst in einer Stunde übersetzen.
Alle waren maulig, eigentlich wollten wir im Kostüm verkleidet am Anleger stehen und den ankommenden Booten winken und Stimmung machen zu der nachfolgenden Odyssee und Zeitreise auf der Insel. Für drei Tage auf einen Inselkongress, eine Zukunftswerkstatt.
Nach und nach kamen die Schiffe aus Bremen an, mit den über 100 Teilnehmern und wir setzten über auf die Weserinsel Harriersand.
Naßgeregnet und statt kostümiert, in privaten Klamotten, fingen die Jugendlichen erschöpft an, die vorbereiteten Aufbruchslieder vor sich hin zu singen.
Anlaß für den Kongress- und Festivalort Harriersand waren die um 1834 gestrandeten 250 Auswanderer ( Männer, Frauen, Kinder, große Familien) aus ganz Deutschland, die geleitet von Friedrich Münch zunächst genauso angespült wurden wie wir.
Wir, das waren 10 Jugendliche aus Lemwerder und Umgebung mit den zwei
Theaterpädagogen Ludmilla Euler, ich, und Rolf Schmitt.
Wir, das ist die Theatergruppe SPLASH der BEGU-lemwerder, die seit über drei Jahren mit mir und dem Musiker Christian Jakober, moderne Jugendtheaterstücke entwickelt und vor allem vor Schulklassen zur Präsentation bringt.
Die Jugendlichen spielen normalerweise Szenen aus ihrem Alltag, jugendspezifische Themen wie Gewalt, Sex, Drogen, Medien, Konsumwelt spielen dabei eine große Rolle.
Als ich nach dem letzten Theaterstück "Der KICK" müde in Dieter Seidels Büro trabte, huschte ein kleiner älterer Mann mit blauer Seemannsmütze auf dem Kopf auf mich zu und suchte verzweifelt mit glühenden Augen und ergriffenem Herzen nach einer Theaterleiterin mit Jugendlichen, er hätte ja das Stück leider verpaßt, wegen der Fähre und überhaupt.
Dieser engagierte ältere Herr war Rolf Schmitt, pensionierter Gymnasiallehrer und passionierter ehemaliger Theaterpädagoge an seiner damaligen Schule.
Er überschwemmte mich geradezu mit seinem visionären Auftrag für mich und die Gruppe, ein Stück entwickeln, sollte ich, ein ganz großes Theaterstück, mit Flagge als Bühnenbild und großem Schiff,
ein Stück über die Auswanderer um 1834 für und mit seinem ehemaligen Schüler Peter Roloff, der jetzt mit Künstler Oliver Benecke, längst keine Schüler mehr, eine Sommerrepublik auf Harriersand als Großprojekt vorhatte. Dafür suchte man noch Aktionen, Seminaristen, Utopisten und Visionäre, die erste Ideen weiterspinnen sollten.
Die Auswanderer, die vier Wochen auf Harriersand warteten und die Zeit absitzen mußten, warteten auf das Schiff "Medora", was sie in ihre neue Heimat, Amerika bringen sollte.
Geplant war ein neuer demokratischer Staat, weg von der allgegenwertigen wirtschaftlichen Not, eine Heimat ohne Enge und Zwänge, ohne Maut und lästiger Bürokratie, ohne Fürsten, Kleinstaaterei, wo alle gleiche Rechte und Freiheiten genießen sollten.
Der Kongress 2005 auf Harriersand nahm dieses Ereignis als Anlaß über die eigenen Träume, Bedürfnisse und Zukunftsaussichten nachzudenken.
Wo liegt eigentlich unser Land der Sehnsüchte.
Mit über 100 Leuten auf der Insel wollte man drei Tage biwakieren und mal schauen, wie das denn so miteinander geht, was wir miteinander, voneinander leben und lernen wollen.
Kurze Zeit, eigentlich, aber mein Trupp von Jugendlichen, erlebte die kurze Zeit in etwa so viel, wie die Auswanderer in vier Wochen.
Wir warteten nicht auf ein Schiff, was uns hier bitte wieder rausholen sollte, sondern wir warteten auf gutes Wetter, wir warteten auf unseren Startschuß für unser Theaterspektakel auf offenem Feld.
Nein, ein großes Theaterstück wurde es dann doch nicht. Die Form eines Spektakels war weniger aufwendig und war vor allem ein passenderes, bewegtes kurzes Eintauchen in die damalige Zeit und das große "Warten auf Medora". Jeder sollte die Geschichte verstehen können.
Wir wollten es mindestens drei mal an verschiedenen Orten spielen.
Das allein war fast nicht möglich, weil das Wetter uns weder proben noch spielen ließ und wir auch teilweise bei gutem Wetter warten mußten, daß die "modernen Auswanderer" aus ihren Seminaren und Zukunftswerkstätten wieder ins Freie pilgerten.
Wir probten auf der Wiese von Uwe Möhring, einem Künstler, Musiker und selber ganz und gar Inselverwachsener Mensch.
Wir bekamen überall Unterstützung, gutes Essen, Zelte. Viele neugierige Erwachsene mit Kindern waren dort, aber Jugendliche gab es nur die zehn, so kam es den Jugendlichen selbst zumindest vor.
Hatte ich vorher alle brav angeschrieben und informiert, was man/frau so braucht auf einer Insel, mußte ich dann letztlich zwei Pullis abdrücken, dicke Socken organisieren, Asthma Spray war zum Glück vorhanden, Allergietabletten auch!
Ja und nicht zu vergessen die schrecklichen Duschen, da war nämlich auch einmal eine Spinne drin.
"Ich geh da nicht rein", mußte ich mir anhören. Der Boden war nicht trocken und außerdem waren da jeden morgen so viele andere, womöglich nackte Menschen und das waren ja dann auch gleich "Hippies", mußte ich erstmal verstehen lernen, weil Haare unter den Achseln.
Uwe Möhring war mit seinem alternativen Lebensstil so auch schnell als "Hanf Man" und Rolf, mein Begleiter durch diese Theaterzeit, war schon längst durch seinen Feuereifer für die Sache als "süß" abgehandelt worden. Ich selbst, als begeisterte Zelt- und Lagerfeuerromantikerin, war denn auch schnell in der Kategorie der Verrückten Ludmilla gelandet.
Wir erlebten unser Stück über die Auswanderer in diesem Umfeld persönlich im Hier und Jetzt nach.
"Es ist naß, matschig und öde. Kein Ort, keine Straße! Das halte ich nicht lange aus!", hörte ich die Jugendlichen öfter sagen, amüsiert über den Inselalltag der Berliner, Bremer, Nord- bis Süddeutschen, die sich ja auch irgendwie zurecht finden wollten.
Ein Satz aus unserem Spektakel, gesagt von einer Figur aus einer längst vergangenen Zeit an einem Ort, der Anfang des 19. Jahrhunderts aus sieben kleineren Sänden und Platen bestand, die bei Hochwasser isoliert waren.
Öde fand ich das ganze aber gar nicht und meine Kids bald auch nicht mehr, denn es gab ja Musik am Abend, es gab Filmbeiträge, Berliner Freestyle Performances, Kunstprojekte, sehr gutes reichhaltiges Essen, Schiffsfahrt nach Bremerhaven, Museum, manchmal auch ein bisschen Zeit neben den Proben, um die Vorträge von anderen Utopisten zu beschnuppern.
Dann unser Auftritt am Samstag endlich!
Wir hatten eine wunderschön trockene Wiese bei Uwe und ein im Halbkreis stehendes großes Publikum. Keine eingegrenzte Bühne, aber wir wollten uns sowieso in die Menge mischen.
Die Spieler kamen in einer Laufparade, chorisch sprechend auf den Platz und ich stand mit Flo, meinem Schlagzeuger, am Leiterwagen und ging zitternd in Gedanken meine Flötentöne durch, die ich gleich auf meiner Uralt Blockflöte zum Besten geben sollte - neben einem 19-jährigen Schlagzeugprofi, wohlgemerkt.
Gleichzeitig hing ich mit Adler-Regieaugen auf dem Geschehen und hoffte, daß unsere lange Probenzeit, vier Monate, jeden Montag, und einem ersten Ausflug auf Harriersand, jetzt zur Geltung kommen würde.
Die altertümliche Sprache, die wir benutzten, die alten Volkslieder, all das war ein großer Kampf für die Jugendlichen. Sie kommen überwiegend aus Haupt- und Realschulen und kennen eine viel kürzere unverblümte Alltagssprache untereinander.
Am Anfang unserer Proben schämten sie sich oft, so geschwollen zu reden. Und auch noch die Trachten am Körper, nicht mal bauchfrei, geschweige denn cool. Aber Turnschuhe wollten die meisten trotzdem anbehalten: "Sieht doch keiner! Ich zieh doch keine Ökoschlappen an".
Ein Stück mit vielen Hindernissen für die Akteure schon im Vorfeld, aber auch ein Stück, was alle nochmal völlig neu forderte.
Ich habe nie so stark erleben dürfen, was allein so eine alte Sprache über die Gesinnung von Menschen und Zeiten erzählt und aus Menschen von heute machen kann und sie inspirieren kann.
Eine heroische Sprache, direkte Sätze, ohne wenn und aber, eine Sprache, die von Idealismus und visionärem Gedanken- und Revoluzzertum nur so trotzt.
Die Jugendlichen kannten diese Art der Rede nicht. Rolf Schmitt ein neuzeitlicher Idealist und Visionär war für sie exotisch. Und auch Peter Roloff und Oliver Benecke waren in ihren leidenschaftlichen Vorträgen für die Sache ein Fremdkörper für die Kids.
Sie hatten viel zu Staunen, denn solche großen Worte und Gedanken, mit so einer großen Begeisterung dahinter, hatten sie, glaube ich, noch nie so eindrucksvoll erlebt.
Es ist das, was ich ihnen seit drei Jahren immer wieder in meiner Theaterarbeit versuche zu vermitteln: "Seit motiviert! Seit begeistert und neugierig auf der Bühne. Versteckt euch nicht!".
Große Worte bewegen und große Menschen bewegen große Gedanken und schaffen große Utopien, die zu großen Ereignissen führen können.
Auf der Insel, wie im Stück, wimmelte es von Menschen, die etwas bewegen wollten, trotz herrschender Arbeitslosigkeit, trotz auch heutiger politischer und wirtschaftlicher Verdrossenheit, trotz "Geiz ist Geil"- Kultur und Leistungsgesellschaft ohne viel warmer Geselligkeit, trotz Werteverfall und Zukunftsangst, und was auch immer uns und die „Jugend von Heute“ bewegt.
Für die Jugendlichen war das Stück auch ein kleines Stück Hoffnungsschimmer für eine noch im Nebel liegende Zukunft und die Insel mit ihren zivilisierten "Hippies" war ein Ort mit viel Zuversicht und praktizierenden Vorbildern und Mutmachern.
Unser Auftritt verlief hervorragend, alle waren sehr präsent und gaben den alten Sätzen die nötige Kraft und Lautstärke. Sie machten die Zerissenheit der Menschen von damals zu ihrer eigenen.
Sie sangen und tanzten mit großem Ehrgeiz und Herz ihre Figuren und das revoluzzionäre, trotzige Lebensgefühl der Wartenden.
Ich möchte mich für diese tolle Zeit im Namen von Splash noch einmal sehr bedanken.
Ganz großen Dank an die Aktivisten Peter Roloff, Oliver Benecke, Fotograph und Dokumentator Folker Winkelmann, Uwe Möhring, Referenten Jens Siemssen und allen anderen Utopisten und Insulanern, die uns gesehen, gefördert und geholfen haben.
Danke auch an die BEGU-lemwerder und die Eltern der eigentlichen 13 Jugendlichen der Theatergruppe SPLASH, für ihr Engagement das alles überhaupt zu ermöglichen.
Und natürlich vielen Dank vor allem an die Jugendlichen für ihren Feuereifer und die große Ernsthaftigkeit im Spiel, an meinen Kollegen Musiker und Liedtexter Christian Jakober und den wortgewaltigen Dramaturg und Impulsgeber Rolf Schmitt.
Ich selbst schließe mich zuletzt den Worten meiner Spielerin Marie an,die da sagte:
"Ich würde es jederzeit wieder machen, wenn das möglich wäre, obwohl es auch sehr anstrengend war!"
Macht weiter und bis bald,
Ludmilla Euler
Ehemalige künstlerische Leitung von SPLASH,
Autorin zusammen mit Rolf Schmitt von "Warten auf Medora", Regie und Choreographie